Viele fürchten sich vor Christus, dem Richter, doch übersehen dabei seine unendliche Sanftmut. Die wahre Gefahr liegt nicht im Herrn, der uns liebt, sondern in der Sünde, die unsere Seele tötet und uns von Gott trennt. Lasst uns recht unterscheiden lernen!
Es ist eine sonderbare Verkehrung des menschlichen Herzens, dass wir uns oft vor dem fürchten, der uns retten will, während wir das umarmen, was uns zugrunde richtet. Wie viele Seelen zittern vor Christus, dem sanftmütigen Hirten, und laufen dabei arglos in die Arme der Sünde, die ein scharfes Schwert trägt und keine Gnade kennt! Diese falsche Furcht entspringt einem verdunkelten Verstand, der nicht mehr zu unterscheiden vermag zwischen dem heilsamen Schrecken vor der Sünde und der törichten Angst vor dem Erlöser. Doch die Heilige Schrift lehrt uns eine bessere Weisheit, wenn wir nur willig sind, auf ihre Stimme zu hören.
Unser Herr Jesus Christus selbst spricht zu uns im Evangelium des Matthäus 11,28-29: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ Hört ihr diese Worte, meine Geliebten? Der Herr ruft die Mühseligen, die Beladenen, die unter der Last ihrer Sünden seufzen. Und was verspricht er ihnen? Nicht Strafe, nicht Verdammnis, sondern Erquickung und Ruhe. Er selbst nennt sich sanftmütig und demütig von Herzen. Welch wunderbare Einladung! Sollten wir uns vor einem solchen Herrn fürchten, der uns mit offenen Armen empfängt?
Dennoch ist es wahr, dass viele Menschen eine große Scheu vor Christus empfinden. Sie stellen ihn sich vor als einen strengen Richter mit gezücktem Schwert, der nur darauf wartet, sie für ihre Vergehen zu strafen. Woher kommt diese falsche Vorstellung? Sie entspringt der Sünde selbst, die uns von Gott zu trennen sucht. Schon im Paradies, nach dem ersten Ungehorsam, verbarg sich Adam vor dem Angesicht Gottes. Als der Herr im Garten wandelte und nach ihm rief, da fürchtete sich Adam und versteckte sich unter den Bäumen.
Im ersten Buch Mose 3,10 lesen wir seine Antwort: „Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.“ Diese Furcht aber war nicht die Furcht Gottes, die der Weisheit Anfang ist, sondern die Furcht des schuldigen Gewissens, die aus der Sünde kommt.
Die Sünde flüstert uns ein, dass Gott unser Feind sei, dass er uns vernichten wolle, dass wir vor ihm fliehen müssten. Doch dies ist eine Lüge des Teufels, der von Anfang an ein Lügner und Mörder war. Die Wahrheit ist, dass Gott in seiner großen Liebe seinen eingeborenen Sohn gesandt hat, nicht um die Welt zu richten, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Im Evangelium des Johannes 3,17 steht geschrieben: „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.“ Seht ihr den Unterschied? Christus kommt nicht als Henker, sondern als Heiland. Er kommt nicht, um zu zerstören, sondern um aufzurichten.
Die wahre Gefahr, vor der wir uns fürchten sollten, ist die Sünde selbst. Sie ist es, die uns tötet, nicht Christus. Sie ist es, die uns von Gott trennt, nicht der Erlöser. Der heilige Apostel Paulus bezeugt uns im Brief an die Römer 6,23: „Denn der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm Herrn.“ Beachtet diese klaren Worte: Die Sünde bezahlt uns mit dem Tod. Das ist ihr Lohn, ihr Sold, ihre unvermeidliche Folge. Christus aber schenkt uns das Leben, und zwar als Gabe, die wir nicht verdient haben. Wie töricht ist es also, vor dem Geber des Lebens zu fliehen und sich dem anzuvertrauen, der uns den Tod bringt!
Die Heilige Schrift vergleicht die Sünde oft mit einem Schwert oder einer Waffe, die verwundet und tötet. Im Buch der Sprüche 5,4 lesen wir über die Versuchung zur Untreue: „Aber zuletzt ist sie bitter wie Wermut und scharf wie ein zweischneidiges Schwert.“ Die Sünde mag am Anfang süß erscheinen, sie mag uns mit Vergnügen locken und falsches Glück versprechen. Doch ihr Ende ist immer bitter, immer schmerzhaft, immer tödlich. Sie ist wie ein scharfes Schwert, das zunächst vielleicht verborgen bleibt, aber dann zuschlägt und tiefe Wunden reißt in unserer Seele.
Der Prophet Jeremia klagt im zweiten Kapitel, Vers 19: „Deine Bosheit züchtigt dich, und dein Ungehorsam straft dich. So merke und sieh, wie böse und bitter es ist, wenn du den HERRN, deinen Gott, verlässt und mich nicht fürchtest, spricht Gott der HERR Zebaoth.“ Hier wird uns die Wahrheit klar vor Augen gestellt: Es ist die Bosheit selbst, die uns züchtigt. Es ist unser eigener Ungehorsam, der uns straft. Die Strafe der Sünde liegt in der Sünde selbst. Wenn wir uns von Gott abwenden, dann sind wir schutzlos der Zerstörungskraft der Sünde ausgeliefert. Gott muss uns nicht strafen, die Sünde straft sich selbst.
Im Gegensatz dazu steht die Sanftmut unseres Herrn Jesus Christus. Als er auf Erden wandelte, zeigte er sich immer barmherzig gegen die Sünder, die zu ihm kamen. Die Ehebrecherin, die man vor ihn brachte, verurteilte er nicht, sondern sprach zu ihr im Evangelium des Johannes 8,11: „So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.“ Zachäus, den Zöllner und Betrüger, besuchte er in seinem Hause und brachte ihm das Heil. Die Samariterin am Brunnen, die in Sünden lebte, beschämte er nicht, sondern offenbarte ihr, dass er der Messias sei. Immer wieder sehen wir die Sanftmut und Geduld Christi mit den Sündern, die Buße tun wollen.
Der heilige Apostel Petrus schreibt in seinem zweiten Brief 3,9: „Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde.“ Diese Worte enthüllen uns das Herz Gottes. Er will nicht, dass jemand verloren werde! Seine scheinbare Verzögerung mit dem Gericht ist in Wahrheit Geduld und Langmut. Er gibt uns Zeit zur Umkehr, er wartet auf uns, er sucht uns wie der gute Hirte das verlorene Schaf sucht.
Wenn wir also die rechte Furcht lernen wollen, dann müssen wir die Sünde fürchten, nicht Christus. Wir müssen vor der Macht der Sünde zittern, die unsere Seele verderben und uns ewig von Gott trennen kann. Die Furcht des Herrn aber, von der die Schrift spricht, ist etwas ganz anderes. Es ist eine ehrfürchtige Scheu, die aus Liebe und Vertrauen entspringt. Es ist die Furcht, den zu betrüben, den wir lieben. Es ist die Sorge, von dem getrennt zu werden, in dem allein unser Leben und unsere Freude sind. Im Buch der Sprüche 14,27 heißt es: „Die Furcht des HERRN ist eine Quelle des Lebens, dass man meide die Stricke des Todes.“ Seht ihr? Die rechte Gottesfurcht ist keine tötende Angst, sondern eine Quelle des Lebens! Sie bewahrt uns vor den Stricken des Todes, nämlich vor der Sünde.
König David, der selbst schwer gesündigt hatte und doch Gottes Barmherzigkeit erfuhr, betet im 51. Psalm, Verse 3 und 4: „Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte, und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit. Wasche mich rein von meiner Missetat, und reinige mich von meiner Sünde.“ Dies ist die rechte Haltung: nicht vor Gott zu fliehen, sondern zu ihm zu kommen mit unserer Schuld. David fürchtet sich nicht vor Gott selbst, sondern vor seiner eigenen Sünde, die ihn besudelt hat. Darum fleht er um Reinigung, um Waschung, um Tilgung. Und Gott erhört dieses Gebet, denn er ist barmherzig und gnädig.
Die Sünde hingegen kennt keine Barmherzigkeit. Sie verspricht Freiheit und bringt Knechtschaft. Sie verspricht Leben und bringt Tod. Sie verspricht Freude und bringt Elend. Der Apostel Jakobus beschreibt im ersten Kapitel, Verse 14 und 15, wie die Sünde wirkt: „Sondern ein jeder, der versucht wird, wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt. Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod.“ Seht ihr die Abfolge? Die Sünde ist wie ein tödliches Gift, das langsam wirkt, aber sicher tötet. Sie beginnt mit Reizung und Lockung, wächst zur Tat, und endet im Tod der Seele.
Darum, meine geliebten Brüder und Schwestern, lasst uns umkehren von der falschen Furcht zur rechten Furcht. Lasst uns nicht mehr vor Christus fliehen, der uns liebt und retten will. Lasst uns vielmehr vor der Sünde fliehen, die uns hasst und verderben will. Der Apostel Paulus ermahnt uns im ersten Brief an die Korinther 6,18: „Flieht die Unzucht! Alle Sünden, die der Mensch tut, bleiben außerhalb des Leibes; wer aber Unzucht treibt, der sündigt am eigenen Leibe.“
Hier wird uns geboten zu fliehen, aber nicht vor Gott, sondern vor der Sünde! Wir sollen vor ihr davonlaufen wie Josef vor der Frau des Potifar, der lieber sein Gewand zurückließ als seine Reinheit.
Die Sanftmut Christi zeigt sich auch darin, dass er uns nicht zwingt, zu ihm zu kommen. Er lädt ein, er ruft, er wirbt um unsere Herzen, aber er bricht nicht gewaltsam in unser Leben ein. In der Offenbarung 3,20 spricht der erhöhte Christus: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“ Der Herr steht vor der Tür unseres Herzens und klopft. Er könnte die Tür aufbrechen, denn er ist allmächtig. Aber er tut es nicht, denn er ist sanftmütig. Er wartet, bis wir öffnen. Er respektiert unsere Freiheit, auch wenn wir sie zu unserem eigenen Schaden missbrauchen.
Wie anders ist die Sünde! Sie schleicht sich ein ohne Einladung. Sie dringt ein durch die kleinsten Ritzen. Sie erobert unser Herz mit List und Gewalt. Und wenn sie erst einmal Macht über uns gewonnen hat, dann hält sie uns gefangen mit eisernen Ketten. Der Herr aber, wenn wir ihm die Tür öffnen, kommt in Sanftmut und hält mit uns das Abendmahl, das Mahl der Gemeinschaft und Liebe. Er kommt nicht als Eroberer, sondern als Freund und Bräutigam der Seele.
Lasst uns daher verstehen, dass die größte Gefahr nicht von oben droht, von dem liebenden Gott, sondern von innen kommt, aus unserem eigenen sündigen Herzen. Wie der Prophet Jeremia im 17. Kapitel, Vers 9, bezeugt: „Es ist das Herz ein trotzig und verzagt Ding; wer kann es ergründen?“ Unser eigenes Herz ist trügerisch. Es kann uns in die Irre führen. Es kann uns zur Sünde verlocken. Darum brauchen wir Christus, der unser Herz erneuern und uns einen neuen Geist geben will.
Der Herr selbst sagt durch den Propheten Hesekiel im 36. Kapitel, Vers 26: „Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.“ Dies ist die Verheißung Gottes an alle, die zu ihm kommen: nicht Zerstörung des alten Herzens durch Strafe, sondern Erneuerung durch Gnade. Der Herr will uns nicht töten, sondern lebendig machen. Er will das verhärtete Herz erweichen, nicht durch das Schwert, sondern durch seine Liebe.
So lasst uns denn mit Freimut hinzutreten zum Thron der Gnade, wie der Hebräerbrief uns ermutigt in Kapitel 4, Vers 16: „Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.“ Wir dürfen mit Zuversicht kommen, nicht mit Zittern und Zagen! Denn was erwartet uns dort? Nicht Verdammnis, sondern Barmherzigkeit. Nicht Strafe, sondern Gnade. Nicht der Tod, sondern Hilfe in der Not.
Die Sünde aber, meine Geliebten, sie sollen wir meiden wie die Pest. Vor ihr sollen wir fliehen wie vor einem wilden Tier. Sie sollen wir fürchten als den wahren Feind unserer Seele. Denn sie allein kann uns von Gott trennen und uns ins ewige Verderben stürzen. Christus aber ist unser Freund, unser Erlöser, unser sanftmütiger Hirte. Zu ihm lasst uns kommen, bei ihm lasst uns bleiben, in ihm lasst uns Ruhe finden für unsere Seelen. Denn wahrlich, nicht vor Christus sollen wir uns fürchten, sondern vor der Sünde, die ein scharfes Schwert ist und keine Gnade kennt. Der Herr aber ist voll Gnade und Wahrheit, und seine Sanftmut übertrifft alle unsere Gedanken. Ihm sei Ehre in Ewigkeit. Amen.

