Zwischen den Mauern der Gesetzlichkeit und dem Abgrund der Gesetzlosigkeit wandert der Christ wie auf schmalem Grat. Beide Irrwege führen die Seele vom wahren Evangelium fort, doch Christus selbst ist der Weg, die Wahrheit und das Leben für alle, die ihm nachfolgen wollen.
In der Stille, wo die Seele sich vor Gott neigt und das Herz sein wahres Antlitz offenbart, begegnet der Mensch zwei mächtigen Versuchungen, die seit den Tagen der Apostel die Kirche bedrängen: die Gesetzlichkeit, welche das freie Geschenk der Gnade in ein mühsames Werk menschlicher Anstrengung verwandelt, und die Gesetzlosigkeit, welche die heiligen Gebote Gottes als überholt und bedeutungslos verwirft. Beide Irrwege führen den Gläubigen vom schmalen Pfad der Wahrheit fort, und doch finden sich beide in reicher Fülle unter jenen, die sich Christen nennen, seien es neue Gläubige, die eben erst zum lebendigen Glauben gefunden haben, oder junge Christen, deren geistliche Kindheit noch der Reife harrt.
Die Gesetzlichkeit entspringt dort, wo der Mensch meint, durch eigene Bußakte und fromme Werke vor dem heiligen Gott gerecht dastehen zu können. Sie wächst im Herzen dessen, der die unverdiente Gnade nicht annehmen will oder kann, weil sein Stolz ihm zuflüstert, er müsse sich sein Heil selbst erarbeiten. Wie der ältere Bruder im Gleichnis vom verlorenen Sohn, der seinem Vater vorhält: „Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot nie übertreten“ (Lukas 15,29), so steht der Gesetzliche vor Gott und pocht auf seine eigene Gerechtigkeit. Er vergisst dabei jenes erschütternde Wort aus dem Propheten Jesaja 64,5: „Wir sind allesamt wie die Unreinen, und alle unsre Gerechtigkeit ist wie ein beflecktes Kleid.“ Was der Gesetzliche als glänzende Münze vor Gott hinlegt, ist in Wahrheit nichts als schmutzige Lumpen, unfähig, die Schuld auch nur eines einzigen Tages zu tilgen.
Der Apostel Paulus, der selbst einst ein Pharisäer war und in der Gesetzlichkeit lebte, schreibt den Galatern mit mahnender Stimme: „Ihr seid von Christus getrennt, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, aus der Gnade seid ihr herausgefallen“ (Galater 5,4). Diese Worte sind wie ein Donnerschlag, der die Seele wachrütteln soll. Wer versucht, durch eigene Werke vor Gott zu bestehen, der verwirft damit die Gnade, die in Christus erschienen ist. Er macht das Kreuz zunichte und spricht, dass der Tod Christi umsonst gewesen sei. Im zweiten Kapitel des Galaterbriefes führt Paulus diesen Gedanken noch deutlicher aus: „Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, so ist Christus vergeblich gestorben“ (Galater 2,21). Welch ernste Worte sind dies! Der Gesetzliche begeht damit nicht nur einen Irrtum im Denken, sondern er lästert im Grunde das vollkommene Werk Christi am Kreuz.
Doch betrachten wir auch die andere Seite, jenen gefährlichen Abgrund der Gesetzlosigkeit, der in unseren Tagen weit verbreitet ist wie Unkraut auf einem vernachlässigten Acker. Viele lehnen die Gebote Gottes für die heutige Zeit ab, tun sie als altmodisch und überholt ab und sprechen: „Dies hat mit uns heute nichts mehr zu tun, denn Jesus hat doch alles am Kreuz bezahlt.“ Sie verwechseln die herrliche Freiheit, in die uns Christus gestellt hat, mit einer zügellosen Freiheit des Fleisches. Sie missbrauchen die Gnade als Freibrief zur Sünde, als wäre Gottes Liebe ein Deckmantel für alle Bosheit.
Solchen ruft der Apostel Paulus im Römerbrief zu: „Was sollen wir nun sagen? Sollen wir denn in der Sünde beharren, damit die Gnade mächtiger werde? Das sei ferne! Wie sollten wir in der Sünde leben wollen, der wir doch gestorben sind?“ (Römer 6,1-2). Die Gnade Gottes ist keine billige Gnade, die den Menschen in seinem alten Wesen lässt und die Sünde entschuldigt. Nein, sie ist eine verwandelnde Kraft, die den neuen Menschen schafft und ihn von der Knechtschaft der Sünde befreit. Der Christ ist der Sünde gestorben und in Christus zu einem neuen Leben auferstanden. Wie sollte er dann noch in der Sünde wandeln wollen, als wäre nichts geschehen?
Im ersten Brief des Johannes finden wir klare Worte gegen jene, die meinen, Christus zu kennen, aber seine Gebote nicht halten: „Wer sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in dem ist die Wahrheit nicht“ (1. Johannes 2,4). Dies sind harte Worte, gewiss, doch sie sind nötig, um die Seele aus ihrem trügerischen Schlaf zu wecken. Der wahre Glaube an Christus zeigt sich nicht nur im Bekenntnis der Lippen, sondern im Gehorsam des Herzens und der Tat. „Daran merken wir, dass wir ihn kennen, wenn wir seine Gebote halten“, so Johannes weiter in Vers 3.
Doch wie sollen wir nun wandeln, eingeklemmt zwischen diesen beiden Irrwegen? Wie kann der Christ dem Gesetz Gottes gerecht werden, ohne in die Gesetzlichkeit zu fallen, und wie kann er die Freiheit in Christus genießen, ohne der Gesetzlosigkeit zu verfallen? Die Antwort liegt im rechten Verständnis dessen, was Christus am Kreuz vollbracht hat und was dies für unser Leben bedeutet.
Christus hat das Gesetz nicht aufgehoben, sondern erfüllt. Er selbst spricht in der Bergpredigt: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen“ (Matthäus 5,17). Das Gesetz Gottes bleibt heilig, gerecht und gut, wie Paulus im Römerbrief 7,12 bezeugt. Es offenbart uns den heiligen Willen Gottes und zeigt uns, wie wir leben sollen. Doch das Gesetz kann uns nicht retten, denn „durch des Gesetzes Werke wird kein Mensch vor ihm gerecht sein. Denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde“ (Römer 3,20).
Das Gesetz ist wie ein Spiegel, der uns unser wahres Gesicht zeigt, befleckt von Sünde und weit entfernt von der Herrlichkeit Gottes. Es führt uns zur Erkenntnis unserer Schuld und treibt uns zu Christus, dem einzigen Retter. Paulus nennt das Gesetz darum unseren Zuchtmeister auf Christus hin: „So ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christus hin, damit wir durch den Glauben gerecht würden“ (Galater 3,24). Wenn wir aber durch den Glauben an Christus gerechtfertigt sind, stehen wir nicht mehr unter diesem Zuchtmeister, sondern sind Kinder Gottes geworden durch den Glauben.
Diese Rechtfertigung geschieht allein aus Gnade, allein durch Glauben, allein in Christus. „Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme“ (Epheser 2,8-9). Hier liegt der Kern des Evangeliums, der die Gesetzlichkeit zerbricht: Wir können nichts zu unserer Rettung beitragen. Christus hat alles vollbracht. Sein Blut reinigt uns von aller Sünde, sein Tod bezahlt unsere Schuld, seine Auferstehung schenkt uns neues Leben. Wer dies im Glauben annimmt, der steht vor Gott gerecht da, nicht wegen eigener Werke, sondern allein durch die Gerechtigkeit Christi, die ihm zugerechnet wird.
Doch nun kommt der entscheidende nächste Vers im Epheserbrief, den die Gesetzlosen gerne übersehen: „Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen“ (Epheser 2,10). Seht ihr die göttliche Ordnung? Wir werden nicht durch gute Werke gerettet, aber wir werden zu guten Werken gerettet. Die Gnade rechtfertigt uns nicht, damit wir sorglos in Sünde weiterleben, sondern sie verwandelt uns, damit wir in der Heiligung wachsen und Frucht bringen für Gott.
Der wahre Christ ist also frei vom Gesetz als Mittel der Rechtfertigung, aber er ist gebunden an Christus in der Liebe, und diese Liebe erfüllt das Gesetz auf natürliche Weise. Paulus schreibt: „Denn das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt, in dem: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ (Galater 5,14). Und Christus selbst fasst das gesamte Gesetz zusammen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“ (Matthäus 22,37-40).
Wer Gott wahrhaft liebt, der will ihm gefallen und seine Gebote halten, nicht aus Zwang, sondern aus Liebe. Wer Christus liebt, zu dem spricht der Herr: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten“ (Johannes 14,23a). Dies ist kein gesetzlicher Zwang, sondern die natürliche Frucht der Liebe. Ein Kind, das seinen Vater liebt, gehorcht ihm gerne, nicht um die Liebe des Vaters zu verdienen, denn diese hat es bereits, sondern weil es den Vater ehren und ihm Freude bereiten möchte.
Der Gesetzliche versucht, durch Gehorsam Gottes Liebe zu verdienen. Der Gesetzlose missachtet Gottes Gebote und trampelt auf seiner Liebe herum. Der wahre Christ aber empfängt Gottes Liebe im Glauben als unverdientes Geschenk und antwortet darauf mit einem Leben des Gehorsams aus Dankbarkeit und Liebe. Er wandelt nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist, wie Paulus im Römerbrief 8,4 schreibt: „damit die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefordert, in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleisch leben, sondern nach dem Geist.“
Lasst uns auch betrachten, wie Jakobus in seinem Brief dieses Gleichgewicht aufzeigt. Er schreibt: „So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber“ (Jakobus 2,17). Hier widerspricht Jakobus dem Paulus nicht, sondern er ergänzt ihn. Ein lebendiger Glaube bringt Werke hervor, so wie ein gesunder Baum gute Früchte trägt. Die Werke retten uns nicht, aber sie beweisen, dass unser Glaube echt und lebendig ist. Ein Glaube ohne Werke ist wie ein Baum ohne Früchte, tot und unnütz.
In der Klosterzelle, wo der Mönch sich müht um Heiligung und Gottesnähe, muss diese Wahrheit leuchten wie eine Kerze in der Dunkelheit: Alle Übungen, alle Gebete, alle Fasten und Wachen sind nicht Mittel, um Gottes Gunst zu erwerben, sondern Ausdruck der Dankbarkeit für die bereits empfangene Gnade. Sie sind Werkzeuge der Heiligung, nicht der Rechtfertigung. Der Mönch, der dies versteht, arbeitet nicht um sein Heil, sondern aus seinem Heil heraus. Er betet nicht, damit Gott ihn liebt, sondern weil Gott ihn bereits liebt. Er fastet nicht, um Sünden zu büßen, denn Christus hat alle Sünden bereits gebüßt, sondern er fastet, um sein Fleisch zu zähmen und Raum für den Geist zu schaffen.
Dies gilt nicht nur für Mönche in der Zelle, sondern für jeden Christen im alltäglichen Leben. Der Bauer auf dem Feld, die Mutter im Haus, der Handwerker in der Werkstatt, sie alle stehen in derselben Berufung: aus Gnade gerettet zu sein und in dieser Gnade zu wandeln, Frucht zu bringen für Gott, ohne in die Gesetzlichkeit zu fallen oder der Gesetzlosigkeit anheimzufallen.
Brüder und Schwestern, lasst uns nüchtern sein und wachen. Die Versuchung zur Gesetzlichkeit lauert besonders bei denen, die fromm sein wollen und die Heiligkeit suchen. Sie meinen, durch mehr Eifer, mehr Verzicht, mehr Regeln könnten sie Gott näherkommen. Doch Gott ist uns bereits nahegekommen in Christus, näher als wir es je verdient hätten. Die Versuchung zur Gesetzlosigkeit lauert bei denen, die die Freiheit in Christus als Freibrief missverstehen und meinen, es käme auf ihr Leben nicht mehr an. Doch Paulus warnt: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! Ihr aber, liebe Brüder, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern“ (Galater 5,1.13).
Der schmale Weg zwischen Gesetzlichkeit und Gesetzlosigkeit ist der Weg des Evangeliums, auf dem wir in der Gnade stehen und in der Liebe wandeln. Es ist der Weg, auf dem wir täglich unser Kreuz aufnehmen und Christus nachfolgen, nicht um gerettet zu werden, sondern weil wir gerettet sind. Es ist der Weg der Buße, auf dem wir unsere Sünden bekennen, nicht um Gottes Liebe wiederzuerlangen, sondern weil wir wissen, dass er treu und gerecht ist, uns die Sünden zu vergeben und uns zu reinigen von aller Ungerechtigkeit, wie Johannes schreibt (1. Johannes 1,9).
Lasst uns darum mit dem Psalmisten beten: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist“ (Psalm 51,12). Lasst uns mit Paulus ausrufen: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe? Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!“ (Römer 7,24-25). Und lasst uns mit allen Heiligen bezeugen, dass Christus allein unser Heil, unsere Gerechtigkeit, unsere Heiligung und unsere Erlösung ist, damit niemand sich vor Gott rühme außer in ihm allein. Amen.
