Geliebte Geschwister, heute hören wir die Stimme des Johannes, der in der Wüste ruft. Er mahnt uns zur Buße und bereitet den Weg des Herrn. Lasst uns sein Zeugnis betrachten und unsere Herzen prüfen, ob wir bereit sind für den Kommenden.
Im Heiligen Evangelium nach Markus 1 Verse 1-8 lesen wir: „Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes. Wie geschrieben steht im Propheten Jesaja: »Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg bereiten soll.« »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben!« Mal 3,1: Johannes der Täufer war in der Wüste und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden. Und es ging zu ihm hinaus das ganze jüdische Land und alle Leute von Jerusalem und ließen sich von ihm taufen im Jordan und bekannten ihre Sünden. Johannes aber trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Lenden und aß Heuschrecken und wilden Honig und predigte und sprach: Es kommt einer nach mir, der ist stärker als ich; und ich bin nicht wert, dass ich mich vor ihm bücke und die Riemen seiner Schuhe löse. Ich taufe euch mit Wasser; aber er wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.“
Geliebte Brüder und Schwestern im Herrn, in tiefer Demut und mit betender Seele wollen wir heute gemeinsam auf das heilige Wort schauen, das uns der Evangelist Markus überliefert hat. Es ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes, und dieser Anfang führt uns nicht in königliche Paläste oder prächtige Tempel, sondern in die Wüste. Dort, wo kein üppiges Leben blüht, wo der Mensch auf das Wesentliche zurückgeworfen ist und wo die Stille Gottes Stimme hörbar macht, dort begegnen wir Johannes dem Täufer.
Die Heilige Schrift bezeugt uns in Markus 1,2-3: „Wie geschrieben steht im Propheten Jesaja: Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg bereiten soll. Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben!“ Hier offenbart sich uns ein tiefes Geheimnis der göttlichen Vorsehung. Gott sendet nicht zuerst den König, sondern den Boten. Nicht zuerst die Herrlichkeit, sondern den Rufer. Dies ist eine Mahnung an uns alle, dass Gott uns vorbereiten will, ehe Er zu uns kommt.
Johannes der Täufer war in der Wüste und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden. Seht, geliebte Geschwister, die Wüste ist nicht zufällig der Ort dieser Verkündigung. Die Wüste ist jener Raum, wo der Mensch erkennt, dass er nichts aus sich selbst vermag. In der Wüste gibt es keine Ablenkung durch weltlichen Tand, keine Zerstreuung durch eitlen Prunk. Dort steht der Mensch nackt vor Gott und vor sich selbst. Und genau dort, in dieser Nacktheit der Seele, beginnt die wahre Umkehr.
Wenn wir auf unser eigenes Leben schauen, müssen wir uns fragen: Wo ist unsere Wüste? Wo ist jener Ort in unserem Herzen, an dem wir still werden und Gottes Stimme vernehmen können? Allzu oft füllen wir unser Leben mit geschäftigem Treiben, mit Sorgen um vergängliche Dinge, mit dem Lärm der Welt. Doch die Schrift mahnt uns durch das Wort des Propheten Hosea 2,16: „Siehe, ich will sie locken und will sie in die Wüste führen und freundlich mit ihr reden.“ Gott selbst führt uns in die Wüste, nicht um uns zu strafen, sondern um freundlich mit uns zu reden.
Das ganze jüdische Land und alle Leute von Jerusalem gingen hinaus zu Johannes und ließen sich von ihm taufen im Jordan und bekannten ihre Sünden. Welch ein gewaltiges Zeugnis! Die Menschen erkannten ihre Bedürftigkeit. Sie erkannten, dass sie der Umkehr bedürfen, der Reinigung, der Vergebung. Und sie scheuten sich nicht, ihre Sünden zu bekennen. Aber in unserer Zeit, geliebte Geschwister, herrscht oft eine gefährliche Selbstgerechtigkeit. Der Mensch meint, er sei gut genug, er brauche keine Buße, keine Umkehr. Doch die Schrift bezeugt uns in 1. Johannes 1,8-9: „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.“
Wie töricht ist der Mensch dieser Tage, der glaubt, keine Sünde mehr zu haben und keiner Buße mehr zu bedürfen. Er gleicht einem Blinden, der meint, er sehe, und einem Kranken, der behauptet, er sei gesund. Schaut auf diese Welt, schaut auf diese Gesellschaft, wie erlösungsbedürftig sie ist – wie ein verfallenes Haus, dessen Balken morsch geworden sind, und dessen Dach unter dem Gewicht der Zeit zusammenzubrechen droht. Und dennoch spricht der Mensch: „Ich bedarf keiner Umkehr.“ O Narrheit der Herzen! Denn je weiter die Welt sich von Gott entfernt, desto lauter ruft der Himmel nach Buße. Wer Ohren hat zu hören, der höre; wer ein Herz hat, der beuge es vor dem Herrn, damit Er es erneuere.
Seht nun auf Johannes selbst. Er trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Lenden und aß Heuschrecken und wilden Honig. Diese Beschreibung ist nicht belanglos, sondern sie offenbart uns die Lebensweise eines Mannes, der sich gänzlich von der Welt gelöst hat. Johannes lebte in äußerster Einfachheit und Askese. Er erinnert uns an den Propheten Elia, von dem in 2. Könige 1,8 geschrieben steht, dass er ebenfalls einen Gürtel aus Leder um seine Lenden trug. Johannes steht in der Tradition der großen Propheten, die nicht durch äußeren Glanz, sondern durch innere Hingabe an Gott Zeugnis ablegten.
Was lehrt uns dies für unser christliches Leben? Es lehrt uns, dass die äußere Armut und Einfachheit nicht Selbstzweck ist, sondern dass sie den Weg bereitet für die innere Freiheit. Wenn wir uns von den Fesseln des Besitzes lösen, wenn wir uns von der Anhänglichkeit an weltliche Güter befreien, dann wird unser Herz weit für Gott. Der heilige Benedikt mahnt uns in seiner Regel zur Besitzlosigkeit und zur Genügsamkeit, nicht aus Lieblosigkeit, sondern aus Liebe zur Freiheit des Geistes.
Johannes predigte und sprach: „Es kommt einer nach mir, der ist stärker als ich; und ich bin nicht wert, dass ich mich vor ihm bücke und die Riemen seiner Schuhe löse. Ich taufe euch mit Wasser; aber er wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.“ Hier offenbart sich die tiefe Demut des Johannes. Er, der Größte unter den von Frauen Geborenen, wie der Herr selbst in Matthäus 11,11 bezeugt, achtet sich für unwürdig, selbst den geringsten Sklavendienst an Christus zu verrichten. Welch eine Lektion für uns! Wie oft erheben wir uns in unserem Herzen, meinen wir etwas Besonderes zu sein, weil wir beten, fasten oder gute Werke tun? Doch all dies ist nichts vor Gott, wenn es nicht in tiefer Demut geschieht.
Die Demut des Johannes zeigt sich besonders darin, dass er auf einen Größeren hinweist. Er macht sich selbst klein, damit Christus groß werde. Dies ist die wahre Aufgabe jedes Predigers, jedes Mönches, jedes Priesters, jedes Christen: nicht sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, sondern auf Christus hinzuweisen. Johannes sagt später im Evangelium nach Johannes 3,30: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ Dies ist die Grundhaltung jedes geistlichen Lebens.
Johannes spricht von zwei Taufen: der Taufe mit Wasser und der Taufe mit dem Heiligen Geist. Die Wassertaufe ist das äußere Zeichen der Umkehr, der Reinigung von den Sünden. Sie ist notwendig und heilsam. Doch sie ist nur der Anfang. Die wahre und vollkommene Taufe ist jene mit dem Heiligen Geist, die Christus selbst vollbringt. Diese Geistestaufe verwandelt den Menschen von innen heraus. Sie schenkt nicht nur Vergebung, sondern neue Geburt, neues Leben, neue Kraft.
Der Prophet Ezechiel kündigte diese Verwandlung an, wenn er in Ezechiel 36,25-27 spricht: „Und ich will reines Wasser über euch sprengen, dass ihr rein werdet; von all eurer Unreinheit und von allen euren Götzen will ich euch reinigen. Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.“
Geliebte Geschwister, diese Verheißung gilt auch uns heute. Gott will uns nicht nur äußerlich reinigen, sondern uns von Grund auf erneuern. Er will unser steinernes Herz, das hart und unempfindlich geworden ist durch die Sünde, durch Gleichgültigkeit und durch die Liebe zu den vergänglichen Dingen dieser Welt, hinwegnehmen und uns ein Herz aus Fleisch geben – ein Herz, das fühlt, das liebt, das sich erbarmt und sich dem Ruf des Herrn nicht verschließt.
Doch lasst uns in stiller Demut fragen: Sind wir bereit, uns verwandeln zu lassen? Wollen wir wirklich, dass der Herr das Alte in uns zerbricht und das Neue in uns formt? Denn wie der Töpfer den Ton knetet, so will Christus unser Innerstes gestalten. Aber der Ton muss weich sein, nicht hart wie Stein. So liegt es an uns, ob wir uns beugen, ob wir uns öffnen, ob wir zulassen, dass der Meister uns erneuert. Denn der Herr zwingt niemanden; Er wirkt dort, wo ein Herz sich willig neigt.
Doch diese Verwandlung geschieht nicht ohne unser Zutun. Die Predigt des Johannes beginnt mit dem Ruf: „Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben!“ Gott kommt zu uns, ja, aber wir müssen den Weg bereiten. Was bedeutet dies konkret? Es bedeutet, die Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die Gott daran hindern, in unser Herz einzuziehen. Diese Hindernisse sind unsere Sünden, unsere Anhänglichkeiten, unser Stolz, unsere Selbstsucht.
Der Prophet Jesaja ruft uns in Jesaja 40,3-4 zu: „Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden.“ Die Täler unserer Mutlosigkeit und Verzagtheit sollen erhöht werden durch das Vertrauen auf Gottes Gnade. Die Berge unseres Hochmuts und unserer Selbstgerechtigkeit sollen erniedrigt werden durch wahre Demut. Was krumm ist in unserem Leben, unsere Unaufrichtigkeit, unsere Heuchelei, soll gerade gemacht werden durch Wahrhaftigkeit.
Diese Wegbereitung ist die Aufgabe der Adventszeit, die wir jährlich als Bußzeit feiern dürfen, in der wir uns befinden. Advent bedeutet Ankunft, Erwartung. Wir bereiten uns vor auf das Kommen Christi, zunächst auf sein Kommen in der Krippe von Bethlehem, das wir im Gedächtnis feiern, aber vor allem auf sein Kommen in unser Herz, heute, jetzt, in diesem Augenblick, und schließlich auf sein Kommen am Ende der Zeiten, wenn er wiederkehren wird in Herrlichkeit.
Die Buße, zu der Johannes aufruft, ist nicht eine äußerliche Übung, sondern eine Umkehr des ganzen Menschen. Das griechische Wort, das die Schrift verwendet, ist metanoia, was wörtlich Sinnesänderung, Umdenken bedeutet. Es geht um eine grundlegende Neuausrichtung unseres Lebens. Nicht mehr ich und meine Wünsche stehen im Mittelpunkt, sondern Gott und sein Wille. Der heilige Paulus mahnt uns in Römer 12,2: „Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“
Geliebte Geschwister, noch sind wir nicht in der heiligen Adventszeit, doch mit schnellen Schritten eilen wir ihr entgegen. Lasst uns diese Gnadenzeit nicht achtlos verstreichen, sondern schon jetzt mit der inneren Bereitung beginnen und es ernst machen mit der Umkehr. Denn wie der Pilger sein Herz reinigt, ehe er die Schwelle des Heiligtums überschreitet, so sollen auch wir unsere Seelen ordnen, damit der Herr eine würdige Herberge finde.
Lasst uns wie jene Menschen aus Jerusalem und dem ganzen jüdischen Land hinausgehen in unsere eigene Wüste, in die Stille unserer Zelle, in die Tiefe unseres Herzens, und dort dem Herrn begegnen. Lasst uns unsere Sünden bekennen, nicht nur mit den Lippen, sondern mit zerknirschtem Herzen. Lasst uns die Taufe der Buße empfangen, die Reinigung von allem, was uns von Gott trennt.
Geliebte Geschwister, und lasst uns vor allem auf Christus schauen, auf den der heilige Johannes mit erhobener Stimme hinweist. Er ist der Kommende, der Stärkere, der Erlöser. Nicht kommt Er, um uns zu richten, sondern um uns heimzuführen. Nicht mit Wasser allein tritt Er hervor, sondern – wie der Evangelist Lukas bezeugt – mit dem Heiligen Geist und mit Feuer (Lukas 3,16). Dieses Feuer ist die Liebe Gottes, die alles verzehrt, was unrein ist in uns, und die unsere Herzen entzündet wie eine Fackel im nächtlichen Klostergang.
Und damit unser Meister Jesus uns wirklich retten kann, müssen wir unsere Seelen öffnen wie eine Tür im Morgenlicht. Wir müssen Ihm entgegengehen mit demütigem Schritt, Ihm vertrauen wie ein Novize seinem Abt, und an Ihn glauben mit festem Herzen, das nicht schwankt wie ein Rohr im Wind. Denn der Herr zwingt niemanden; Er ruft, und der Mensch muss antworten. Wer sich Ihm öffnet, den führt Er heim. Wer Ihm entgegenkommt, den nimmt Er an die Hand. Wer Ihm glaubt, den trägt Er durch die Nacht bis zum neuen Tag.
Der Herr selbst spricht in Offenbarung 3,20: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“ Christus steht vor der Tür unseres Herzens und klopft an. Doch er bricht die Tür nicht auf. Er wartet darauf, dass wir öffnen. Dies ist unsere Aufgabe, dies ist das Bereiten des Weges: die Tür unseres Herzens zu öffnen, damit der König der Herrlichkeit einziehen kann.
Lasst uns also wachsam sein und bereit. Lasst uns wie Johannes in der Wüste unseres Herzens die Stimme vernehmen, die ruft: Bereitet den Weg des Herrn! Lasst uns in Demut und Buße, in Gebet und Fasten, in Liebe und Gehorsam diesem Ruf folgen. Dann wird Christus kommen und in uns Wohnung nehmen, und wir werden erfahren, was es heißt, mit dem Heiligen Geist getauft zu werden.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.
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