Wir alle kennen die schwere Last der Sünde, die uns bindet und gefangen hält. Wenn das Herz umstrickt ist und wir nicht loskommen, bedürfen wir des göttlichen Erbarmens und des heiligen Blutes, das am Kreuze für uns vergossen ward.
Wer unter uns Gotteskindern kennt nicht die bittere Erfahrung, wenn die Sünde uns umstrickt wie ein Netz den gefangenen Vogel? Wir wissen wohl um das Rechte, unser Geist dürstet nach der Heiligkeit, und dennoch finden wir uns gebunden, gefesselt durch unsere eigene Schwachheit und durch die Macht jener Finsternis, die seit dem Falle Adams über der Menschheit liegt.
In solchen Stunden der inneren Bedrängnis, wenn das Gewissen uns anklagt und das Herz schwer wird unter der Last unserer Verfehlungen, da müssen wir uns erinnern an jene große Wahrheit, die uns der Apostel Johannes verkündet in seinem ersten Brief: „Daran erkennen wir, dass wir aus der Wahrheit sind, und können unser Herz vor ihm damit zum Schweigen bringen, dass, wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge“ (1. Johannes 3,19-20). Diese Worte sind wie Balsam für die verwundete Seele, denn sie weisen uns hin auf die Größe der göttlichen Gnade, die unsere eigene Kleinheit und Sündhaftigkeit weit übersteigt.
Die Heilige Schrift bezeugt uns an vielen Stellen, dass der Mensch von Natur aus in der Sünde gefangen liegt. Schon der Psalmist klagte über die Macht der Versuchung, und der Apostel Paulus selbst rang mit jener inneren Zerrissenheit, die er im Römerbrief so eindringlich beschreibt. Doch wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden. Dies ist das große Geheimnis unseres Glaubens, das Mysterium der Erlösung, das sich am Kreuze auf Golgatha vollzogen hat. Der Hebräerbrief mahnt uns: „Lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens“ (Hebräer 12,1-2). Diese Ermahnung zeigt uns den Weg aus der Knechtschaft: Wir müssen unseren Blick von uns selbst und unserer Schwachheit abwenden und ihn richten auf den Gekreuzigten, der für uns den Weg der Erlösung gebahnt hat.
Es ist das heilige Blut Christi, das uns reinigt von aller Sünde und uns freikauft aus der Sklaverei der Bosheit. Die Offenbarung des Johannes preist den Herrn mit diesen Worten: „Ihm, der uns liebt und uns erlöst hat von unsern Sünden mit seinem Blut und uns zu Königen und Priestern gemacht hat vor Gott, seinem Vater, ihm sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen“ (Offenbarung 1,5-6). Welch gewaltiges Zeugnis ist dies für die Kraft des Kreuzesopfers! Nicht durch unsere eigenen Werke, nicht durch Fasten oder Bußübungen allein, sondern allein durch das vergossene Blut des Lammes Gottes werden wir gerecht vor dem Angesicht des Allerhöchsten. Der Epheserbrief führt uns dies noch deutlicher vor Augen: „In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade“ (Epheser 1,7). Der Reichtum dieser Gnade ist unermesslich, er übersteigt alles menschliche Fassungsvermögen.
Wenn wir in unserer klösterlichen Stille verweilen und über das Leiden unseres Herrn meditieren, dann erkennen wir erst die ganze Tiefe dessen, was am Kreuz geschehen ist. Christus, der ohne Sünde war, nahm unsere Schuld auf sich. Er, der Gerechte, starb für die Ungerechten. Das Holz des Kreuzes wurde zum Baum des Lebens für alle, die an ihn glauben. Der Hebräerbrief verkündet uns: „Weil wir denn nun, liebe Brüder, durch das Blut Jesu die Freiheit haben zum Eingang in das Heiligtum…“ (Hebräer 10,19). Diese Freimütigkeit, diese heilige Kühnheit, mit der wir vor den Thron der Gnade treten dürfen, verdanken wir allein dem Opfer Christi. Wo einst der Vorhang im Tempel uns von dem Allerheiligsten trennte, da ist nun durch den Tod Jesu der Weg frei geworden. Wir dürfen nahen, nicht als verdammte Sünder, sondern als begnadigte Kinder Gottes.
Die alten Väter der Kirche haben dies verstanden und in ihren Schriften bezeugt. Sie wussten, dass der Mensch aus eigener Kraft niemals die Fessel der Sünde sprengen kann. Wie ein Gefangener in einem finsteren Kerker, so sitzt der Sünder in der Dunkelheit seiner Schuld, bis das Licht der Gnade ihn erreicht. Der erste Johannesbrief lehrt uns: „Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme, und in ihm ist keine Sünde. Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt“ (1. Johannes 3,5-6). Dies bedeutet nicht, dass der Gläubige niemals mehr strauchelt oder fehlt, sondern dass er nicht mehr in der Sünde lebt, nicht mehr von ihr beherrscht wird. Die Macht der Sünde ist gebrochen durch das Kreuz.
Dennoch müssen wir wachsam bleiben, denn der Feind unserer Seelen schläft nicht. Wie ein brüllender Löwe geht er umher und sucht, wen er verschlingen kann. Die Versuchungen dieser Welt sind mannigfaltig, und unser Fleisch ist schwach. Darum ermahnt uns die Schrift zur Beständigkeit im Gebet, zur Nüchternheit und zur geistlichen Wachsamkeit. Der Hebräerbrief spricht davon, dass wir noch nicht bis aufs Blut widerstanden haben im Kampf gegen die Sünde (Hebräer 12,4), und erinnert uns daran, dass unser Herr selbst so viel Widerspruch von den Sündern erduldet hat. Sein Beispiel soll uns Kraft geben, nicht matt zu werden und den Mut nicht sinken zu lassen.
In der klösterlichen Tradition haben die Mönche und Nonnen durch die Jahrhunderte hindurch diese Wahrheiten gelebt. Sie haben sich von der Welt zurückgezogen, nicht um der Sünde zu entfliehen, denn diese wohnt in jedem Menschenherzen, sondern um in der Stille und Abgeschiedenheit ganz dem Herrn zu dienen und im beständigen Kampf gegen die eigenen Leidenschaften zu wachsen in der Heiligkeit. Sie wussten, dass dieser Kampf ein lebenslanger ist und dass wir täglich neu die Gnade Gottes erflehen müssen. Das tägliche Schuldbekenntnis, die Reue über die Sünden, das Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes, all dies gehört zum geistlichen Leben wie das Atmen zum leiblichen.
Das Blut Christi ist nicht nur einmal am Kreuz geflossen, sondern seine Wirkung reicht durch alle Zeiten hindurch. Der Hebräerbrief führt uns dies vor Augen, wenn er schreibt: „Ihr seid gekommen zu dem Berg Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, und zu den vielen tausend Engeln und zu der Versammlung und Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind, und zu Gott, dem Richter über alle, und zu den Geistern der vollendeten Gerechten und zu dem Mittler des neuen Bundes, Jesus, und zu dem Blut der Besprengung, das besser redet als Abels Blut“ (Hebräer 12,22-24).
Das Blut Abels schrie nach Rache, aber das Blut Christi ruft nach Vergebung und Erbarmen. Dies ist der neue Bund, den Gott mit uns Menschen geschlossen hat, ein Bund nicht auf Steintafeln geschrieben, sondern in unsere Herzen eingegraben durch den Heiligen Geist.
Wir müssen uns immer wieder daran erinnern, dass unsere Erlösung nicht billig war. Sie kostete den Sohn Gottes sein Leben. Der unendliche Preis, der für unsere Freiheit bezahlt wurde, sollte uns zu Demut und Dankbarkeit führen. Wie können wir leichtfertig mit der Sünde umgehen, wenn wir wissen, welch schrecklichen Preis Christus dafür bezahlt hat? Der Apostel ermahnt uns, heilig zu leben, nicht aus eigener Kraft, sondern in der Kraft dessen, der uns erkauft hat. Wir sind nicht mehr unser eigen, sondern gehören dem, der uns mit seinem teuren Blut erworben hat.
Wenn wir also gefesselt sind von der Sünde, wenn wir nicht loskommen aus den Verstrickungen unserer Schwachheit, dann lasst uns nicht verzweifeln. Lasst uns vielmehr hintreten vor den Gnadenthron mit Zuversicht und flehen um Erbarmen. Gott ist treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit, wenn wir sie bekennen. Das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde. Dies ist keine leere Verheißung, sondern die feste Zusage des Wortes Gottes, auf die wir bauen dürfen. In der Beichte und im Sakrament empfangen wir immer wieder neu diese reinigende Kraft, die aus dem Opfer Christi fließt.
Mögen wir niemals müde werden, zu dem Brunnen des Lebens zu kommen und aus ihm zu schöpfen die Kraft für unseren täglichen Kampf. Möge das heilige Blut Christi uns reinigen, erneuern und stärken auf unserem Pilgerweg zum himmlischen Jerusalem. Amen.
Kommentare von Pater Berndt